Fiktion macht Geografie berühmt
Jin Yong hat die Hua Shan (华山), den Shaolin-Tempel (少林寺) oder den Wudang-Berg nicht erfunden. Aber er hat sie auf eine Weise berühmt gemacht, wie es kein Tourismusverband je könnte.
Heute besuchen Millionen von chinesischen Touristen diese Orte, teilweise wegen ihrer historischen Bedeutung und teilweise wegen ihrer Wuxia-Assoziationen. Der Geschenkeladen des Shaolin-Tempels verkauft Kampfkunsthandbücher. Die Wanderwege auf der Hua Shan sind nach Jin Yongs fiktiven Schwertwettkämpfen benannt. Die Grenze zwischen Geschichte und Fiktion wurde absichtlich verwischt, und niemand scheint sich daran zu stören.
Hua Shan (华山): Wo der Schwertwettkampf stattfindet
Hua Shan, in der Provinz Shaanxi, ist einer der fünf großen Berge Chinas. In Jin Yongs Romanen ist es der Ort des legendären Schwertwettkampfes auf der Hua Shan (华山论剑) – ein Treffen, bei dem die fünf größten Kampfkunstmeister der Welt gegeneinander antreten, um zu bestimmen, wer der Größte ist.
Die echte Hua Shan ist wirklich erschreckend. Ihre Wanderwege umfassen den Plank Walk – einen schmalen Holzboden, der an einer steilen Felswand befestigt ist, tausende Fuß über dem Talboden. Wanderer sichern sich an einer Kette und schlüpfen seitwärts über Planken, die kaum breiter sind als ihre Füße.
Jin Yong wählte die Hua Shan für seinen Schwertwettkampf, weil die reale Gefahr des Berges zu den fiktiven Einsätzen passt. Ein Wettkampf auf flachem Boden hätte nicht dasselbe Gewicht. Ein Wettkampf auf einem Berg, wo ein falscher Schritt den Tod bedeutet – das fühlt sich richtig an.
Shaolin-Tempel (少林寺): Die Mekka der Kampfkunst
Der Shaolin-Tempel in der Provinz Henan ist die berühmteste Kampfkunststätte der Welt. In Jin Yongs Romanen ist er die mächtigste und prestigeträchtigste Sekte – das vatikanische Pendant der Kampfkunstwelt.
Der echte Shaolin-Tempel hat ein kompliziertes Verhältnis zu seinem fiktiven Ruf. Er ist ein funktionierendes buddhistisches Kloster. Er ist auch eine massive Touristenattraktion. Außerdem ist er eine Marke – "Shaolin" ist patentiert, und der Abt des Tempels wurde kritisiert, weil er die Institution kommerzialisiert hat.
Die Kampfkunstvorführungen im Shaolin sind beeindruckend, aber choreografiert. Die Mönche sind talentiert, aber sie treten für Touristen auf, nicht um für den Kampf zu trainieren. Die Kluft zwischen dem fiktiven Shaolin – wo Mönche Jahrzehnte in stiller Kultivierung überlegener Kampfkunst verbringen – und dem realen Shaolin – wo Mönche mit Besuchern für Selfies posieren – ist groß und gelegentlich unangenehm.
Pfirsichblüteninsel (桃花岛)
Die Pfirsichblüteninsel (桃花岛) in Jin Yongs Romanen ist die Heimat von Huang Yaoshi, dem östlichen Häretiker – einem Genie, das isoliert auf einer Insel voller Pfirsichbäume und tödlicher Fallen lebt.
Es gibt eine echte Pfirsichblüteninsel (桃花岛) in der Provinz Zhejiang, nahe Zhoushan. Sie wurde zu einem Jin Yong-themenbasierten Touristenziel entwickelt, komplett mit einer „Huang Yaoshi-Residenz“ und einem „Schwertprüfungsstein“.
Die echte Insel ist angenehm, aber unspektakulär – eine kleine Insel mit einigen Pfirsichbäumen und viel touristischer Infrastruktur. Die fiktive Insel ist ein Paradies der Schönheit und Gefahr. Die Kluft zwischen den beiden ist die Kluft zwischen Vorstellungskraft und Realität, und es ist eine Kluft, die der Tourismus nie überbrücken kann.
Warum die Pilgerreise wichtig ist
Chinesische Touristen, die diese Orte besuchen, sind sich der Unterschiede zwischen Fiktion und Realität bewusst. Sie wissen, dass der Schwertwettkampf auf der Hua Shan nie stattgefunden hat. Sie wissen, dass Shaolin-Mönche nicht fliegen können.
Sie besuchen sie trotzdem, weil die Orte emotionalen Wert haben. Über einen Kampf auf der Hua Shan zu lesen und dann auf der Hua Shan zu stehen, schafft ein vielschichtiges Erlebnis – die echte Landschaft wird mit fiktiven Erinnerungen überlagert, und beide werden durch die Kombination bereichert.